| Ohrdruf: Eine Stadt ignoriert ihre tiefbraune Realität |
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| 25.05.2005 | |
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55 Neo-Nazis veranstalteten am 21. Mai eine Kundgebung auf dem Ohrdrufer Marktplatz. Während die lokale Kirche gegen "rechts" läutet und der Bürgermeister mit einem Aufruf zum Ignorieren das Problem zu lösen versucht, erhalten die Rechtsextremisten viel Zuspruch aus der Bevölkerung. Das rechtes Gedankengut nicht nur bei der Ohrdrufer Skinhead-Jugend, sondern auch im Herzen der dortigen Zivilbevölkerung verankert ist, zeigte unser Besuch in der tiefbraunen Provinz, in der vor zwei Jahren ein Sprengstofflabor der Neo-Nazis ausgehoben wurde.
Rechtes Gedankengut in der Bevölkerung verankert Am Samstag fand in Ohrdruf (Landkreis Gotha) eine rechtsextreme Kundgebung statt, an der 55 Neo-Nazis und rechtsradikale Jugendliche aus Gotha, Ohrdruf und Arnstadt teilnahmen. In Ohrdruf - da ticken die Uhren etwas anders: Eine rechte Gesinnung ist hier nicht nur stark unter den Jugendlichen sondern auch massiv in der dortigen Bevölkerung verankert. Längst dominiert eine rechte Szene die Kleinstadt im Thüringer Wald. Schon nach der Ankunft waren die Gesichter der Bewohner beinahe versteinert und so manch einer traute seinen Augen kaum, das linke AktivistInnen ihre Stadt besuchten. Sofort hagelte es auch schon die ersten Beschimpfungen "Verschwindet!" und "Die Rechten sind ja gar nicht so schlimm, ihr seit doch das Übel!" bekam man aus dem Mund von Bewohnern zu hören. Auch einige Dorfpolizisten warfen kritische Blicke und schließlich äußert ein Beamter mit hämischen Grinsen die erste Drohung "An euer Stelle würde ich aufpassen, das ich heute nicht die Fresse voll bekomme...". Auf Nachfrage bei den Bürgern, was denn heute auf dem Marktplatz passieren würde taten viele so, als wüssten sie von nichts, ein älterer Herr erzählte dann, dass er im Radio von einem rechten Aufmarsch gehört hätte. Gegen halb 11 änderte sich der Zustand, die Zufahrtswege zum Marktplatz wurden von der Polizei kontrolliert. Ein duzend Einsatzwagen nehmen hinter dem Rathaus Stellung und Beamte der Thüringer BFE-Einheit patrouillieren in der Innenstadt. Neo-Nazis marschieren zum Rathaus Um 12 Uhr war es dann soweit: Eine größere Gruppe von Neo-Nazis marschiert Richtung Rathaus und beginnt dann mit dem Aufbau eines Infostands. Währenddessen packen die ersten rechten Skinheads ihre Fahnen aus und der Arnstädter Neo-Nazikader Marcel Unger vergnügt sich damit, die Lautsprecher-Anlage einzurichten. Nach kurzer Zeit ist die Zahl der Teilnehmer auf über 50 gestiegen und schon ertönen die grauenhaften Töne von der schwarz-weiss-rot beflaggten Kundgebung: "Ich habe für Deutschland einen Sohn geboren" schallt es durch die Innenstadt, während zeitgleich ein Aktivist des Thüringer Heimatschutzes zusammen mit dem Nazikader und NSAW-Kopf Patrick Wieschke die Propaganda-Zeitschrift "Der Rennsteigbote" an die Bevölkerung verteilte. Wenig später tritt der Neo-Nazi Michael Burkert (Skinheadclub Friedrichroda) ans Mikrofon und drischt als erster von drei Rednern seine Phrasen durch die Lautsprecher, auch beschwert er sich über das Verbot des Singens der Nationalhymne. Im Anschluss sprach Kurt Hoppe von der Deutsche Partei, P. Wieschke und ein Erfuter Neo-Nazi, der ursprünglich aus Hessen kommt. Sie erklärten, das dass "Deutsche Volk" zum Überleben bald auf Sozialspenden aus Polen und den Ostblockländern angewiesen sei und verkündeten diverse Forderungen, wie die sofortige Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern und die Abschaffung der deutschen Parlamente. Von der anwesenden Bevölkerung aus der tiefbraunen Provinz gibt es wie nicht anders zu erwarten war auch noch Beifall, während die Neo-Nazis eine "Soziale Gerechtigkeit für alle Deutschen" zelebrieren. Stadt: "Durch Ignorieren verschwinden die Rechten" Einigen AntifaschistInnen die sich der Kundgebung näherten wurden wie immer Gewahrsamnahmen angedroht und Platzverweise erteilt. Von Gegenprotest seitens der Stadt oder der Bevölkerung ist bis auf ein verlassenes Banner vor dem Rathaus nichts zu sehen. Der Bürgermeister und die Stadt hatten schließlich dazu aufgerufen die Neo-Nazis zu ignorieren, so würde sich das Problem von alleine lösen. Was daraus wurde haben wir gesehen, alleine auf der östlichen Seite des Marktes standen 40 Bürger und lauschten teilweise zustimmend den braunen Parolen der Neo-Nazis. Etwas entfernt läd die lokale Kirche dazu ein, die Glocke als Mahnung zu läuten, deren Ton jedoch nicht bis zum Marktplatz vordringt. Wie der Pfarrer Hans-Joachim Köhler erklärte, herrscht in jener Stadt tatsächlich ein Zustand, bei dem Eltern ihre Kinder nachts nicht auf die Straße lassen, da sie Angst vor rechtsextremistisch-motivierten Übergriffen haben. Angriffe, Überfälle und ein eigenes Sprengstofflabor Das bestätigten uns auch einige Opfer neofaschistischer Gewalt aus Ohrdruf, beinahe wöchentlich werden "Nichtrechte" Jugendliche von Neo-Nazis zusammengeschlagen und die Stadt ignoriert deren Treiben. Seit Jahren reihte sich eine Meldung über Ohrdruf an die nächste. Jugendliche werden attackiert, MigrantInnen überfallen, ein Jugendclub gestürmt und schließlich errichteten lokale Neo-Nazis auch noch einen NS-Veranstaltungsraum und ein eigenes Sprengstofflabor, welches jedoch von der Polizei im November 2003 ausgehoben wurde. Inzwischen wird die Region um Ohrdruf vom "Nationalen Widerstand Gotha", der übrigens auch Initiator vom sogenannten "Rennsteigboten" ist mit Propaganda und Ähnlichem versorgt. Gerade in Gotha fanden in den vergangenen Monaten einige Veranstaltungen und rechtsextreme Konzerte statt, seit dem der Anführer der Kameradschaft Eisenach nach Gotha umgezogen ist. Am Abend trafen sich die Teilnehmer der Neo-Nazikundgebung an einem Waldstück bei Espenfeld (Jonastal) zu einer rechtsradikalen Feier und hatten neben Baseballschlägern und Reizgas auch Propagandamaterial mit im Gepäck. Die unangemeldete Versammlung wurde von der Polizei aufgelöst. Bereits zur letzten Kundgebung brachten Neo-Nazis aus der Region Gotha mehrere Waffen und rechtsextreme Propaganda mit. Einige Bilder von der Neo-Nazikundgebung und ihren TeilnehmerInnen: Portraitfotos(öffnet sich per Klick): |
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